Stimmtraining für den inneren Impulsgeber

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Der menschliche Geist bringt ein besonderes Gefühl hervor, das immer dann am deutlichsten zu spüren ist, wenn wir etwas tun, von dem wir wissen, dass es genau das ist, was wir in diesem Moment eigentlich tun sollten: Es ist das Gefühl von Identität mit sich selbst. Dieses Gefühl liegt immer dann in der Luft, wenn uns der Augenblick herausfordert und sagt: „Jetzt musst du eigentlich …“ Solche Augenblickssituationen sind vielfältig und können ganz unscheinbar im Kleinen oder spektakulär im Großen stattfinden. Im Kleinen, wenn wir z. B. einen Witz erzählen wollen, in die Gesichter der Zuhörer blicken und uns der Augenblick sagt: „Noch nicht!“ Ebenso, wenn er uns zwei Minuten später sagt: „Jetzt!“  Im Großen, wenn wir kurz davor stehen, etwas Existenzielles zu tun, das entscheidenden Einfluss auf unser Leben hat und sich nur schwer widerrufen lässt: Einen Arbeitsplatzwechsel, eine große finanzielle Investition oder das Aussprechen einer riskanten Wahrheit. Es kann aber auch ein ganz spontanes, unvorbereitetes Handeln sein: Ein Roman, den ich einmal las, berichtet von einer Frau, die im Zug ermordet wird. Zeugen haben den Protagonisten dabei beobachtet, wie er der ermordeten Frau zuvor auf dem Bahnhof heimlich zum Fahrkartenschalter gefolgt war. Er gab sich gegenüber dem Bahnbeamten als ihr Ehemann aus, bat den Beamten, ihm dieselbe Fahrkarte wie „seiner“ Frau auszustellen und bestieg denselben Zug. Er wird festgenommen und später wieder freigelassen, nachdem sich der wahre Mörder entlarvt hat. Auf die Frage, warum er denn dieser Frau gefolgt sei, antwortet der Protagonist: „Machen Sie nicht auch manchmal was Verrücktes?“ Offenbar ist er der „Stimme des Augenblicks“ gefolgt, der Stimme der Eigentlichkeit, der Stimme der Identität.

Die Stimme der Identität spricht „ego-frei“, also unabhängig von Gewinn oder Verlust von Reichtum, Macht oder Image. Es kann daher sein, dass diese Stimme uns in absolut peinliche Situationen bringt, in denen wir in Grund und Boden versinken möchten und uns über uns selbst die Haare raufen. Aber oft wird durch die Handlung eine Weiche gestellt, die uns auf einen Weg bringt, der sich später als richtig und lebensstiftend erweist. Und dies haben wir vielleicht zuvor unbewusst geahnt.

Sicherlich können wir in unserer heutigen durchorganisierten Welt dieser Stimme nicht immer gleich folgen, sobald sie sich zu Wort meldet und etwas Ungewöhnliches von uns verlangt – aber in regelmäßigen Abständen, sagen wir jedes zehnte Mal oder zweimal die Woche sollten wir es tun! Ähnlich wie unser Körper ein Fitnessprogramm fordert, ähnlich wie ein Opernsänger regelmäßig sein Gesangsorgan trainiert, so müssen wir auch die Stimme der Identität trainieren, um sie am Leben zu halten. Tun wir es nicht regelmäßig im Kleinen, dann werden wir es auch in Schlüsselsituationen des Lebens nicht mehr wagen. Nicht wenige Menschen haben es z. B. nicht gewagt, einen Karriereverlust hinzunehmen, um eine Krankheit vernünftig auszukurieren und so ihren Körper und ihren Geist in eine Katastrophe geführt. Vielleicht auch deswegen, weil sie im Identitätsverhalten nicht trainiert waren und die Stimme des Augenblicks nicht mehr wahrgenommen haben. Folgt man hingegen diesem Impuls, kann die Tat uns letztlich stärken und mit neuem Leben erfüllen.

Halten wir also fest: Identität – man könnte auch sagen „der Friede mit sich selbst“ –  ist immer an regelmäßiges, identitätsstiftendes Handeln geknüpft. Es ist, wie jede Art von Frieden, kein fester Zustand, auf dem man sich ausruhen kann, sondern etwas, das ständig gewartet, geprüft und durch Taten erneuert werden muss –  sozusagen ein immerwährender aktiver Prozess.

Wir brauchen, wie schon angedeutet, dabei nicht in jeder Situation Identität zu beweisen. Wir müssen nicht aufstehen und nach Draußen gehen, wenn ein betrunkener Streithals uns dazu auffordert, um uns dann von ihm das Nasenbein brechen zu lassen. Wir müssen nicht über jedes Stöckchen springen, das das Leben uns hinhält. Es kommt vielmehr darauf an, ein Feingefühl für Orte und Zeitpunkte zu entwickeln, in denen Identität in besonderer Weise lebensstiftend ist – für uns selbst wie auch für andere. Hier gilt es, nicht dem Ergebnis der blitzschnellen Einnahme-Überschussrechnung zu folgen, die wir vor einer Entscheidung meist reflexartig durchführen, sondern einer höheren, nicht egofixierten, absoluten  Orientierung.  Von dieser Orientierung sprechen die großen Persönlichkeiten der Religionsgeschichte, die in Sachen Identität wahre Meisterwerke vollbracht haben: Siddhartha Gautama, der, nachdem er erstmals mit dem Elend der Welt konfrontiert wird, spontan das privilegierte Leben eines Fürstensohnes gegen Askese und Besitzlosigkeit eintauscht;   Franz von Assisi, der sich vor Gericht von seinem wohlhabenden Vater distanziert,  indem er sich sämtliche Kleider vom Leib reißt und sich nackt und ungeschützt  einer völlig ungewissen Zukunft ausliefert; Luther vor dem Reichstag zu Worms, der sich trotz aller Gefahren zu seiner revolutionären Lehre bekennt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“

 

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