Rede gegen das Nichts-falsch-machen-Wollen

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Die folgende Rede wurde gehalten auf der Abiturentlassungsfeier des Ökumenischen Gymnasiums zu Bremen am 15. 06. 2002

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, liebe Angehörige, Freunde und Gäste des Ökumenischen Gymnasiums!

Zunächst einmal vielen Dank, liebe Abiturienten, dass ihr mich als euren Musik- und Religionslehrer dazu auserkoren habt, heute zu euch zu sprechen – es ist mir eine Ehre!  Dass ihr das Abitur bestanden habt, ist euch schon seit einigen Wochen bekannt. Aber erst gleich, wenn ihr das ehrwürdige Papier in euren Händen haltet, dann wisst ihr: Jawohl,  es ist kein Wunsch, es ist nicht Traum, nicht Fiktion,  es ist jetzt eine unwiderlegbare Tatsache.

Unwiderlegbare Tatsachen, ungeschminkte Fakten, konkrete, greifbare Ergebnisse – ich glaube das ist etwas, was euch schmeckt und was für euch einen hohen Stellenwert  hat. Ihr seid keine Träumer, keine Utopisten, ihr seid wohl auch keine Weltverbesserer. Eine Schülerin eures Jahrgangs sagte früher einmal den einfachen Satz: „Wir träumen – von Spaß.“ Tatsächlich, die meisten von euch träumen nicht von den großen, von fernen Dingen. Es ist eher das Naheliegende, das Greifbare und für euch selbst Erreichbare, wofür ihr schwärmt und wofür ihr euch engagiert. Ihr nehmt die Dinge so, wie sie sind. Dies gilt überwiegend wohl auch für das bestehende schulische und gesellschaftliche Ordnungssystem, in das ihr hineingewachsen seid. Wenngleich ihr  nicht stets alle Vorgaben und Regeln beachtet, so akzeptiert ihr sie doch innerlich.  Dies war nicht immer so  – ihr unterscheidet euch darin von früheren Schülergenerationen.  Und diese besondere Tendenz zur Akzeptanz betrifft auch das Verhältnis zu euren Eltern und deren Wertesystem. Drei Viertel der Jugendlichen in Deutschland, und nun, liebe Eltern, heben Sie nicht ab, drei Viertel dieser Jugendlichen würden heute ihre Kinder genauso oder ähnlich erziehen wie sie selbst von ihren Eltern erzogen wurden. Dies zumindest ist das Ergebnis einer großangelegten Studie des Landes Nordrhein – Westfalen,  die vor kurzem veröffentlicht wurde. Die heutigen Jugendlichen werden darin übrigens als „Null-Zoff-Generation“ bezeichnet. Wenn dies tatsächlich so ist, dann müsste uns Lehrern eine solch friedfertige Haltung eigentlich gerade recht sein. Die bereitwillige Akzeptanz von bestehenden Regeln und Vorgaben allerdings wird von Teilen des Lehrerkollegiums auch kritisch gesehen. Unter anderem fehle es euch an Problembewusstsein für die Kehrseiten des Systems. Sicherlich, so sagt man,  bedeute „nicht auflehnend sein“ nicht zwangsläufig „nicht kritisch sein“, aber dennoch: Der Hinweis auf  Egoismus und Ellbogenmentalität in unserer Gesellschaft, die Forderung nach Toleranz und Gerechtigkeit, dies berühre euch deutlich weniger als die Aussicht auf die nächste Abiparty. Befindet selbst darüber, inwieweit so etwas berechtigt ist.

Als Vertreter eines künstlerischen Fachs möchte ich auf eine andere Tücke  hinweisen, der man erliegen kann, wenn man bestehende Regeln und Vorgaben leichtfertig akzeptiert und verinnerlicht. Es kann passieren, dass sich dabei ganz nebenbei eine Lebenshaltung herausbildet oder besser einschleicht, die ich an erwachsenen Menschen oft beobachte und die mich unzufrieden macht. Es ist eine Haltung, bei der das Handeln bestimmt wird von der Angst, gegen Regeln zu verstoßen, von der Angst das Falsche zu tun – und nicht vom Mut, das Richtige zu tun. Es ist die Haltung des „Nichts-falsch-machen-Wollens“.

Dieses „Nichts-falsch-machen-Wollen“ – das ist, wenn man von einer originellen Idee erfährt und zuerst an die Gefahren und an die Übereinstimmung mit Vorgaben, Regeln und Geboten denkt. Anstatt zunächst die Chancen zu sehen, ein Bild zu malen, eine Vision zu entwerfen, die Kraft spendet und in die Zukunft leuchtet. Dieses Nichts-falsch-machen-Wollen hemmt Erfindergeist und Innovation, und zwar in den unterschiedlichsten Lebensbereichen.

„Nichts-falsch-machen-Wollen“ – das heißt persönliche Eigenarten zu verstecken, z.B. in Sprache, Gestik und Mimik. Vor kurzem sprach ich mit einem professionellen Stimmimitator. Er ließ mich wissen, er wolle seinen Job an den Nagel hängen. Es gäbe kaum noch eine Person des öffentlichen Lebens, die ihn zu seiner Arbeit inspirieren würde, mit Ausnahme des Literaturkritikers Reich Ranicki. Sprache, Gestik und Mimik werden immer mehr normiert. Unter anderem, weil niemand etwas falsch machen will.

„Nichts-falsch-machen-Wollen“ bedeutet Stagnation, z. B. in der Wirtschaft, wo es die Bereitstellung des viel beschworenen Risikokapitals behindert.

„Nichts-falsch-machen-Wollen“ – das ist, wenn Lehrer auf wirklich interessante und experimentelle Unterrichtsstunden verzichten – sie würden ja gerne, doch bis zur nächsten Klausur muss erstmal der vorgegebene Stoff behandelt werden – so kann man sich bei schlechten Ergebnissen besser gegen Anschuldigungen verteidigen, gegenüber Schülern und Eltern. Man hat dann „nichts falsch gemacht“.

„Nichts-falsch-machen-Wollen“ bedeutet, seine Sache zu rechtfertigen, statt für seine Sache zu werben.

„Nichts-falsch-machen-Wollen“, das ist übersteigerte Furcht vor fragenden Gesichtern, die Furcht vor dem Stirnrunzeln anderer Menschen. Bei Jugendlichen beobachte ich dieses Phänomen insbesondere im Alter von ca. 16 Jahren, am Ende der Pubertät. Viele originelle Dinge gehen dabei oft verloren: Eine bestimmte Art von Schülerhumor, ein Sinn für Absurdität, die Verspieltheit im Denken.

„Nichts-falsch-machen-Wollen“ schlägt sich nieder in den kleinsten Details des menschlichen Verhaltens. Oft macht es das Alltagsleben unnötig kompliziert, umständlich und spröde, liebe Hörerinnen und Hörer! So ist mir z. B. die gerade verwendete Anrede eigentlich zu umständlich und zu kompliziert, und zwar seit es sie gibt, also eigentlich schon viel zu lange. Ich verwende sie deshalb, weil ich nichts falsch machen will – vielleicht erfindet jemand von euch etwas Neues, etwas Besseres.

Wie aber macht man das, wie macht man es besser? Wenn man nicht zuerst auf Fehler achten soll, worauf soll man denn dann zuerst achten?

Würde ich jetzt dafür eine Vorgabe, eine Regel nennen, dann würde alles zuvor Gesagte sinnlos erscheinen. Ich will darauf ganz persönlich antworten. Man kann so etwas nicht erdenken, aber ich glaube, man kann es erschmecken. Ich glaube, nicht nur kulinarische Dinge, sondern auch Entscheidungen, Pläne, Vorhaben, Unternehmungen haben immer einen bestimmten Geschmack, ein bestimmtes Aroma. Pläne, die von der Haltung des Nichts-falsch-machen-Wollens geprägt sind, haben immer einen etwas faden Grundgeschmack. Sie schmecken nach einer Pflichtübung. Pläne, die vom Mut zum Richtigen geprägt sind, haben dagegen eine spezielle Würze, ein bestimmtes Aroma, man schmeckt förmlich den entscheidenden Funken an Begeisterung, der ihnen innewohnt. Sie schmecken frisch, sie schmecken nach freier Wahl, sie haben das Aroma einer selbstgewählten Kür.

Achtet bei jeder weitreichenden Entscheidung auf diese Würze, auf dieses Aroma. Ob es um die Berufswahl, um Partnerwahl, um Entwürfe, um Unternehmungen geht: Achtet darauf, dass euer Plan wirklich schmeckt. Hat euer jeweiliges Vorhaben aber diesen faden Beigeschmack, fehlt ihm dieses gewisse „Aroma“, dieses Etwas, dann gebt euch damit nicht zufrieden. Lasst die Gedanken noch einmal schweifen, sprecht darüber mit Menschen, auf deren Ansichten ihr neugierig seid, deren Worte ihr nicht vorhersagen könnt – egal ob sie euch vertraut sind oder ob ihr sie erst seit kurzer Zeit kennt. Nicht um von ihnen fertige Ratschläge zu übernehmen, sondern um während des Gesprächs neue Gedanken zu entwickeln.

Andererseits könnte es auch einmal passieren, dass euch jemand einen fertigen Plan vorträgt, gegen den es nichts zu sagen gibt, der hieb- und stichfest erscheint, gegen den euch keine Argumente einfallen, der euch aber irgendwie keinen Appetit macht. Scheut euch dann nicht zu sagen: „Du, dein Plan ist gut – aber er schmeckt mir irgendwie nicht.“

Selbstverständlich hat auch die Angst vor Fehlern ihr Gutes, und auch das genaue und oft ermüdende Achten auf Regeln ist in vielen Fällen unabdingbar. Wer später etwa als Mediziner ein Medikament verordnet und die vorgegebene Dosierung missachtet, kann ein Menschenleben ruinieren. Die Genauigkeit, die Präzision, das Abgleichen mit der Zielvorgabe, das Kleinlichsein im Detail – erst dies gibt einer Sache ihren professionellen Glanz.

Es geht mir ja nur darum: Denkt bei weitreichenden Entscheidungen, die zukunftsweisende Akzente setzen, denkt hier nicht zuerst an Vorgaben, sondern achtet zuerst auf den Geschmack! Denkt zuerst an die Chancen und Möglichkeiten, malt zuerst das Bild. Eine gute Idee ist wie ein Lebewesen, das Raum braucht, das Luft zum Atmen braucht – insbesondere wenn es gerade erst geboren wurde. Schafft diesen Raum und räumt für einen Moment die anderen Dinge, die gedanklichen Hindernisse beiseite. Ist dann eure Idee herangereift, hat sie genug Kraft und steht sie auf eigenen Füßen – dann hat sie keinen Anspruch mehr auf einen Schutzraum. Dann muss sie sich allen Prüfungen und Schwierigkeiten stellen, die in der Realität auf sie warten.

Dann hat sie aber auch die Chance, in der realen Welt Wirkung zu hinterlassen. Wenn ihr einem Plan, einer Idee folgt, die diese spezielle Würze hat, so hat dies nicht nur für euch einen Wert. Je mehr eurer Plan von diesem Aroma erfüllt ist, je mehr er nach einer freigewählten Kür schmeckt, um so deutlicher merkt man euch dies an. Umso mehr Format, Charakter und Persönlichkeit werdet ihr entwickeln. Und umso mehr überträgt sich dieses „Aroma“ dann auch auf die Menschen in eurer Umgebung, umso mehr kommen auch sie auf den „Geschmack“.

An den Schluss meiner Rede möchte ich nun ein Zitat stellen, das von meinem eigenen Philosophielehrer stammt. Er sagte: „Es kann sein, das alles, was ich euch sage, falsch ist, und dass das genaue Gegenteil davon stimmt. Meine Gedanken haben aber dennoch einen Sinn: Sie sollen eure Gehirne anregen und euch auf Ideen bringen.“ In diesem Sinne: Wenn ihr auf den „Geschmack“ kommt, ist das gut. Wenn ihr was Besseres herausfindet, ist das besser. Ruft mich dann sofort an. Dann kann nämlich ich von euch lernen!

 

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