… kurzer Art

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Warum du träumst

Nächtliche Träume beeinflussen dein alltägliches Empfinden im Wachzustand. Sie versetzen dich in eine Gefühlslage, aus der heraus du nach deinem Traum Dinge tust, die dir zuvor unmöglich erschienen. Wie ich darauf komme? Als ich früher mit meinem Kater spielte, versuchte dieser regelmäßig, meine Hand zum Spaß ins Maul zu nehmen – wie Katzen das so machen. Ich ließ dies nicht zu, bekam Angst, zog die Hand weg und ärgerte mich schwarz über meine eigene Ängstlichkeit. Dann träumte ich eines Nachts, dass ich diesen Kater auf  grausamste Weise zu Tode folterte. Am nächsten Morgen hatte ich immense Schuldgefühle, das Tier tat mir unwahrscheinlich leid und erschien mir äußerst schutzbedürftig. Diese neue Gefühlslage zeigte Wirkung: Seit diesem Morgen habe ich die Hand nie wieder zurückgezogen.

 

Die gesunde Dreckkruste

Zu jeder Marktwirtschaft gehört ein Schwarzmarkt. Zu jeder Kultur gehört eine Subkultur. Zu jedem Ehepartner  gehört ein Liebhaber oder eine Geliebte, mit dem oder mit der er betrogen wird, und sei es nur in Worten oder Gedanken. Zu jeder Ordnung gehört ein Chaos, das auf ihre Zerstörung lauert.

Dieses ordnungsfeindliche Chaos hat aber zugleich stabilisierende, gesundheitsstiftende Funktion. Durch die latent wahrgenommene Bedrohung aktiviert die Ordnung ihr Immunsystem, sie bleibt wach und lebendig, sie regeneriert, aktualisiert und erneuert sich. So gibt z. B. die Subkultur der „offiziellen“ Kultur sehr fruchtbare Impulse. In der Musik erkennt man dies  an Jazzeinflüssen in der „Neuen Musik“. Es hat lebensstiftende Funktion, wenn man dem Chaos einen angemessenen Spielraum zugesteht und es nicht gleich beim ersten Auftreten beseitigt: Zu oft Duschen ist ungesund.

 

Korn trinken

Es ist mir eine Genugtuung, beim Korntrinken das Glas hinterher entschlossen und mit einem kurzen, kraftvollen Klang auf dem Tisch aufzusetzen. Komisch, dass dies einfach nicht funktioniert, wenn ich einen Fruchtschnaps trinke.

 

Mörderische Einsamkeit

Einsamkeit könnte ein Motiv für Selbstmordattentäter sein. Mit dem Anschlag zieht der Täter die Opfer in eine Gemeinschaft mit sich selbst. Und zwar in eine ganz intime Gemeinschaft, in der man etwas sehr Intimes macht, nämlich zusammen sterben. Zugleich machen alle Beteiligten gemeinsam eine Verwandlung, eine Gleichschaltung durch: Mit dem Tod werden alle Unterschiede aufgehoben, alle Beteiligten sind gleichbedeutend: Arme, Reiche, Gesunde, Kranke, Schwarze, Weiße, Amerikaner, Araber, Muslime, Christen usw. Diese Gleichschaltung wirkt fast wie eine augenblickliche Aussöhnung. Vielleicht will der Attentäter auch dies erreichen.

 

Die Welt als Wohnzimmer

„Bist du allein hier?“ wurde Herr B einmal von einem Bekannten gefragt.

„Also du stellst Fragen!“ antwortete Herr B. „Stell dir vor, du gehst in dein Wohnzimmer und jemand fragt: ‚Bist du allein hier?‘“

„Das wär seltsam.“ sagte der Bekannte. „ Aber wir befinden uns hier doch gerade auf einem Wochenmarkt und nicht in deinem Wohnzimmer!“

„Nicht nur dieser Wochenmarkt ist mein Wohnzimmer.“ entgegnete Herr B. „Mein Wohnzimmer ist die ganze Welt. Da treffe ich Leute aus meiner Familie!“

 

Versprich dich nicht!

Es ist vielleicht kein Zufall, dass das Verb „versprechen“ einerseits die Bedeutung einer verbindlichen Zusage, aber zugleich auch die Bedeutung einer versehentlich gemachten, ungültigen Behauptung hat. Nicht selten fehlt einem Versprechen nämlich die letztendliche Verbindlichkeit und Gültigkeit: Ähnlich wie Verträgen wird Versprechungen oft nachgesagt,  dass sie nur solange  befolgt werden, wie sie allen Beteiligten nützen.

Diese Zweifel daran, ob es grundsätzlich sinnvoll ist, Versprechungen abzugeben oder einzufordern, haben einen tieferen Hintergrund in unsrem Seelenleben: Nicht selten verspüren wir nämlich ein latentes inneres Unwohlsein, wenn wir aufgefordert sind, unserer zukünftigen Handlungen genau festzulegen. Dieses genaue Fixieren des zukünftigen Handelns ist mühsam, es ist aber dennoch notwendig, wenn wir hinterher eventuelle unangemessene Erwartungen zurückweisen oder den anderen bei einem Verstoß zur Rechenschaft ziehen wollen. Dies funktioniert umso besser, je sorgfältiger wir unsere Abmachungen in präzisen Worten formulieren und niederzuschreiben, z. B. beim Eheversprechen oder Ehevertrag.

Allerdings gerät dabei etwas in Vergessenheit, das der Apostel Paulus folgendermaßen formulierte: „Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.“ Alle deine Regeln, Verträge und Versprechungen werden oft unzulänglich, wenn die aktuelle Situation ein spontanes, lebensstiftendes Handeln von dir verlangt. Dann sind nämlich keine Regeln gefordert, sondern etwas Anderes: Die Ehrfurcht vor dem Leben, die rechte Geisteshaltung, der Weitblick und die Offenheit dafür, was die Gegenwart jetzt gerade von dir verlangt, um nachhaltig Lebendigkeit zu verbreiten – egal ob es zu deinem persönlichen Vorteil ist oder nicht. Hast du diese innere Haltung, die es dir jederzeit erlaubt, über deinen eigenen Schatten zu springen – dann tust du ganz von selbst das Richtige. Und zwar aus einem Gefühl der Verbundenheit mit allem Lebendigen heraus – und nicht, weil du ein Versprechen halten musst.

 

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