Warum Gott keine Chance bekommt, sich zu beweisen

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In unserer vom naturwissenschaftlichen Denken geprägten Gesellschaft begründen viele Menschen ihre Zweifel an der Existenz eines allmächtigen Wesens – im Folgenden kurz „Gott“ genannt – mit dem Zweifel an seiner Allmacht und fordern z. B.: „Wenn es Gott wirklich gibt, dann möge er doch einen vom Sturm umgewehten Baum augenblicklich wieder aufrichten!“ Oft bekennen sie zugleich, dass sie ein derartiges für jedermann offensichtliches Wunder als Gottesbeweis akzeptieren würden.  Angenommen Gott würde tatsächlich seine Macht über die Naturgesetze  in Form eines Wunders  offenbaren, z. B. indem er umgewehte Bäume sich von selbst wieder aufrichten ließe: Würden wir seine Existenz daraufhin  auch folgerichtig anerkennen? Spielen wir dieses Beispiel einmal durch, indem wir zunächst zwei Fälle unterscheiden:

Fall 1: Das Wunder ist ein einmaliges Ereignis, das sich niemals wiederholt. In diesem Fall würden naturwissenschaftlich denkende Menschen die Tasächlichkeit des Ereignisses vermutlich abstreiten oder es anzweifeln und z. B. behaupten,  der Stamm des Baums sei gar nicht vollständig durchtrennt, sondern nur angeknackst gewesen und hätte sich auf natürliche Weise regeneriert.

Fall 2: Das Wunder wiederholt sich und geschieht häufiger. In diesem Fall würden Wissenschaftler das Phänomen genau beobachten und nach und nach immer präziser beschreiben, bis ins mikroskopische Detail. Sie würden exakt beschreiben, wie sich einzelne Zellen regenerieren und zusammenwachsen, wie die zerrissenen Zellwände sich vereinen, als ob man einen Film rückwärts laufen lässt. Dann würden sie Regelmäßigkeiten erkennen: Zuerst wächst vielleicht die Zellhaut zusammen, dann die Wand des Zellkerns, dies aber immer erst, bevor sich bestimmte Eiweiße neu gebildet haben usw. Nach und nach könnte man dann den Prozess der Wiederaufrichtung von Bäumen vorhersagen, vielleicht sogar die ungefähre zeitliche Dauer des Aufrichtens angeben.

Naturwissenschaftlich ausgerichtete Menschen nähern sich also dem Unbekannten, indem sie die sichtbaren und messbaren Aspekte eines fremdartigen Phänomens beschreiben und daraus Vorhersagen ableiten. Geschieht dies über einen längeren Zeitraum, dann erreicht die Auseinandersetzung mit dem Gegenstand irgendwann ein Stadium der Vertrautheit, in dem man das Phänomen nicht mehr als fremdartiges „Wunder“ wahrnimmt und es nicht mehr „heilig“ oder „göttlich“ nennt. Vielleicht, weil der Mensch das Gefühl hat, das rätselhafte Phänomen irgendwie „handhaben“ zu können, es im wörtlichen Sinne „be-griffen“ zu haben, es „im Griff“ zu haben – als würde es jetzt von uns und nicht mehr von einer höheren Macht gesteuert. Genauso hat der Mensch es seit Beginn des naturwissenschaftlichen Denkens mit allen Phänomenen gemacht, die früher einmal als Wunder verstanden wurden und als heilig galten: vom hellsten Sonnenaufgang bis zum dunkelsten Gewitter.

Unregelmäßigkeiten und Ungereimtheiten, die sich nicht erklären und vorhersagen lassen, tun dieser „Entheiligung“ keinen Abbruch:  Entweder wird daraufhin das eine oder andere Naturgesetz abgeändert und dem rätselhaften Phänomen angepasst, oder man sagt: „Derartige Phänomene kann man noch  nicht erklären, so weit ist die Forschung noch nicht.“ In dieser Weise äußern sich viele Naturwissenschaftler derzeit z. B. zu  parapsychologischen Phänomenen.

Was folgt daraus? Eine wissenschaftliche Anerkennung der Existenz von übernatürlichen Ereignissen, von Dingen also, die den Naturgesetzen wiedersprechen, ist aus drei Gründen unmöglich. Erstens, weil einmalige Verstöße  ignoriert werden, zweitens, weil man das Phänomen aufgrund von Beschreibungen und Vorhersagen nicht mehr als etwas Übernatürliches wahrnimmt und drittens, weil bei wiederkehrenden Verstößen die Naturgesetze den zunächst unerklärlichen Phänomenen angepasst werden. Wenn sich also ein allmächtiger Gott durch tatsächliche Wunderereignisse der Welt offenbaren würde, dann würde man sein Wirken früher oder später nicht mehr als übernatürlich anerkennen – und dann wäre sein Wirken nicht mehr göttlich und er selbst nicht mehr Gott! Das atheistische Argument „Es gibt keinen allmächtigen Gott, weil dieser wissenschaftlich nicht nachweisbar ist“ führt sich somit selbst ad absurdum: Gott erhält gar keine Chance, einen für Naturwissenschaftler akzeptablen Beweis seiner Existenz zu liefern.

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