Der Zufall und das „Ganz Andere“

 

[zurück]

Betrachtet man die Zufälligkeit der Ereignisse und Erscheinungen in unserer Alltagswelt genauer, dann fällt auf: Es gibt Fälle, in denen sich eine von Menschenhand inszenierte Zufälligkeit klar von einer „wahren“ Zufälligkeit unterscheiden lässt: Letztere ist i. d. R. authentischer und überzeugender.

Versuche einmal, absichtlich ungeordnet daherzureden oder versuche, irgendeine Tätigkeit, die du gut beherrschst, absichtlich wie ein Anfänger auszuführen – mit all den üblichen zufällig auftretenden und gern belächelten  Anfängerfehlern. Berufsmusiker z. B. wissen, wie schwer es ist, diese Anfängerfehler zu simulieren, so dass sie authentisch wirken. Oder beobachte deine nächtlichen Träume, die der zufällige, nicht bewusst gesteuerte Lauf der Gedanken im freien Spiel hervorbringt: Unzählige weltberühmte Gemälde und Romane der Weltliteratur wurden von derartigen Traummotiven inspiriert.Diese tatsächliche Zufälligkeit produziert nämlich Momente und Erscheinungen, die wir als perfekt empinden und die wir nicht ohne Weiteres willentlich simulieren können. Sie  überrascht uns mit vollkommen unerwarteten Ereignissen zu vollkommen unerwarteten Zeitpunkten und wirkt damit immer wieder durch und durch elektrisierend und belebend – so wie dies auch vollkommene Kunstwerke tun, im Guten und Schönen wie  im Bösen und Grausamen.

Dieser Überraschungseffekt funktioniert natürlich nur, wenn die Instanz, die dahinter steckt, uns zuvor eine Zeit lang in Sicherheit wiegt und viele Ereignisse ganz regelmäßig und planbar ablaufen läßt: So sind wir uns beispielsweise sicher, dass morgen der Wecker klingelt, die Sonne aufgeht und wir den Weg zur Arbeit antreten. Und dann wird  diese Regelmäßigkeit vielleicht irgendwann unterbrochen, die Zufahrtsstraße zu unserer Firma ist abgesperrt und es beginnt ein Abenteuer mit einem Wechselbad der Gefühle. Danach geht vielleicht wieder alles seinen gewohnten Gang und wir nehmen die Regelmäßigkeit wieder bewusster und dankbarer wahr und freuen uns darauf. Es kommt dabei auf den richtigen Mix an zwischen Vorhersagbarkeit und Überraschung, zwischen Wiederholung und Abwechslung, zwischen Struktur und Störung der Struktur. Ein solches ausgewogenes Verhältnis zwischen Regelmäßigkeit und Kontrast lässt sich bei sämtlichen großen Kunstwerken der Menschheitsgschichte nachweisen: Ravels Bolero, eines der weltweit meistgespielten Orchesterwerke z. B. belegt Melodik und Rhythmik durchgehend mit Wiederholung, während Dynamik und Klangfarbe Abwechslung vermitteln. Insofern können wir die um uns herum fortlaufend stattfindende Zufälligkeit – obwohl sie alltäglich ist – als ein  ununterbrochen ablaufendes Aktionskunstwerk betrachten – eine perfekt inszenierte, schaurig-schöne globale Superperformance!1

Was hat das mit Allah, Brahma, Jahwe oder dem „Ganz Anderen“ (ein von Philosophen verwendeter Ausdruck für Gott) zu tun? Das „Ganz Andere“ ist unter anderem deswegen „ganz anders“, weil es im Gegensatz zu uns Menschen immer und ständig vollkommen ist – zumindest der Definition nach. Wir Menschen dagegen sind nur manchmal vollkommen und immer nur in Teilbereichen unseres Denkens und Tuns: So gibt es z. B. einige wenige Musikstücke, bei denen ich keinen Ton ändern würde, wie z. B. der sehr bekannte erste Satz der Mondscheinsonate von Ludwig van Beethoven. Diese Werke wirken auf uns, als hätten ihre Schöpfer in ihrem künstlerischen Schaffen Momente oder Phasen göttlicher Vollkommenheit erlangt. In anderen Bereichen ihres Daseins waren sie aber hoffnungslose Dillettanten und Amateure – sie sind halt nur Menschen. Das ganz große Kunstwerk, die (vermeintliche) Zufälligkeit des Weltgeschehens, umfasst aber nicht nur einen, sondern sämtliche Daseinsbereiche – was ein kleiner Hinweis auf die Übermenschlichkeit dieses Schöpferwesens sein könnte und damit ein Indiz für seine Existenz.

[zurück]

1. Der Komponist John Cage (1912-1992) war von der Schönheit zufälliger Strukturen so fasziniert, dass er der Macht des Zufalls prägenden Einfluss auf die Gestaltung seiner Werke einräumte. Bei diesem „gelenkten Zufall“ kombinierte Cage vorgegebene, sich z. T. wiederholende Gestaltungselemente mit neuen, unvorhersehbaren Elementen, die sich z. B. aus der jeweiligen aktuellen Aufführungssituation ergaben.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s