Die Star-und-Sternchen-Religion

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Bestandaufnahme

Die Welt der Stars und Sternchen, die Welt der Medienstars und Celebrities,  der VIPs, der A-Promis –  ist sie vielleicht der Olymp unserer Zeit? Unsere Vorstellung von diesen „besonderen“ Menschen zumindest ähnelt der Vorstellung, die Angehörige jahrtausendealter polytheistischen Religionen von ihren Göttern und Halbgöttern hatten:

  • Medienstars sind immateriell: Sie sind zwar irgendwie präsent, aber nicht direkt fühlbar, greifbar. Auf leuchtenden Flatscreens, auf angestrahlten Großbildleinwänden oder im Blitzlichtgewitter der Pressefotografen erscheinen sie wie Lichtwesen – ähnlich wie in traditionellen Religionen Gotteserscheinungen mit Gewitterblitzen einhergehen oder Engel  Heiligenscheine haben.
  • Medienstars sind vollkommen: Sie sehen bei ihren Darbietungen immer gut bzw. markant aus, jeder gesprochene Satz wirkt treffend, und selbst wenn sie unsicher sind, wirkt auch die Unsicherheit irgendwie interessant. Sie sitzen nicht auf dem Klo und riechen nicht aus dem Mund. Sie sind zeitlos, werden nicht älter. Natürlich gibt es auch hier gefallene Engel und Inkarnationen des Bösen – aber die sind dann wiederum in ihrer Bosheit vollkommen – z. B. wenn Boulevard-Zeitungen ihnen beispiellose skurrile Grausamkeiten andichten.
  • Medienstars treten in wohl dosierter Seltenheit dreidimensional und leibhaftig in Erscheinung: Entweder offenbaren sie sich der Masse auf spektakulär inszenierten Mega-Events oder sie zeigen sich dem Einzelnen plötzlich und unvermittelt im Supermarkt. Auch die  Götter der Antike stiegen hin und wieder hinab in die Welt und begegneten den Irdischen: entweder im Rahmen einer großartigen Inszenierung (Jahwe am Horeb) oder ganz privat (Athene bei Odysseus am Strand).
  • Medienstars haben außerdem eine Reihe von Engeln, Himmelsbotschaftern und Propheten, die direkten Kontakt zur Menschheit pflegen: Bodyguards, Polizeieskorten, Manager, Pressesprecher, Roadies, Stage-Hands. Diese kündigen die Ankunft der Gottheit an und bereiten ihr menschliches Umfeld seelisch darauf vor.
  • Ihre Anhänger bilden Glaubensgemeinschaften mit regelmäßigen Zusammenkünften (Fanclubs, Online-Communities usw.)  und uniformieren sich u. a. durch einheitliche Kleidungsstücke oder das Tragen von Symbolen des persönlichen Favoritengottes – ähnlich wie dies Gläubige fast aller Religionen täglich und weltweit praktizieren.

Auch wenn wir diese Glaubenshaltung zunächst weit von uns weisen, haben wir sie vielleicht dennoch verinnerlicht, ohne es zu wissen: Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn Sie zufällig miterleben, wie ein prominenter Hollywood-Darsteller aus einer Limousine aussteigt? Wie dann unsere Pulsfrequenz steigt, obwohl wir uns gleichzeitig  klarmachen, dass es dafür doch nun wirklich keinen vernünftigen Grund gibt? Und doch fühlen wir uns plötzlich – quasi grundlos – glücklich: Die Gottheit und das Paradies sind nahe!

Ausblick

Jesus, Buddha, Zarathustra, Luther und andere haben es gezeigt: Man muss die eigene  eigene religiöse Tradition nicht verwerfen und überwinden, wenn sie überkommen erscheint. Sie lässt sich auffrischen und neu beleben, indem man den Menschen in ihr Zentrum rückt und sie menschlicher macht. In Hinblick auf die Star-und-Sternchen-Religion der Celebrities, der von den Medien entworfenen Göttern bzw. Gottesvorstellungen, bedeutet das: Wir können diese Religion produktiv umgestalten, indem wir ihre Idealvorstellungen menschlicher machen – und wir haben bereits damit angefangen! So lassen sich seit einiger Zeit Trends und Bewegungen ausmachen, die darauf abzielen, die Herrlichkeit der alten Götter zu demontieren: Fernsehkomissare irren sich, James Bond beginnt Fehler zu machen, Durchschnittsmenschen werden bei „Big Brother“ zu Stars. Bücher, die das Scheitern ihres Protagonisten detailliert schildern, werden zu Bestsellern (Sven Regners Roman „Herr Lehmann“), scheiternde Chefs zu Serienhelden (Stromberg), scheiternde Komiker zu Topkomikern (Helge Schneider). Parodien auf Filmstars werden zu Filmbestsellern (Schuh des Manitu). Der Musiker Herbie Hancock prophezeit den „Star für einen Tag“, für Joseph Beuys ist jeder Mensch ein Künstler, im Web 2.0 ist jeder sein eigener TV-Darsteller. TV-Drehbücher von Familien- oder Gerichtsserien werden in indirekter Rede geschrieben, damit Schauspieler ihre Texte spontan selbst kreieren und ihre Worte nicht zu perfekt klingen. Nebensächlichkeiten, Zufälligkeiten, Details, die die Unvollkommenheit der Protagonisten bezeugen sollen, gewinnen im Film an Bedeutung. Nicht der Gott, nicht der Priester, sondern der Mensch mit all seinen Unzulänglichkeiten wird zum Höchsten, zum Allerliebenswertesten – den Prozess der Menschwerdung Gottes gibt es nicht nur im Christentum!

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